} Naturparadiesli

Hommage Quen

Am 13. April 1990 sah Quen erstmals die Bonaduzer Sonne scheinen und spürte die warme Zunge seiner Mutter Nadia, einer Schweizer Elitestute über sein Fell lecken. In diesem Moment war es dem kleinen Quenchen bestimmt auch egal, dass er von seinem Vater Quiriel des Dalles berühmte, französische Gene mitbekommen hatte. Das Vatertier zeigte sich zwar nicht ganz einfach im Umgang, allerdings brillierte er als tolles Springpferd auf höchster Stufe.

Mit den Jahren wurde aus dem Quenli ein Quen. Allerdings nicht zur reinen Freude des Züchters Alois Dora aus Bonaduz. Äusserlich entwickelte sich das Pferdchen ja prächtig, aber der erfahrene Züchter hatte grosse Probleme mit dem widersetzlichen Fohlen. So wollte sich Quen kein Halfter anziehen lassen. Und war es endlich drauf, konnte man ihn nicht anbinden, weil er sich stets wieder los riss. Füsse geben kam für das widerspenstige Tier nicht in Frage und beim Versuch dazu brach es Alois Dora sogar mal eine Rippe. Im Sommer ging‘s jeweils auf die Alp. Selbstverständlich bot Quen alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte auf um nicht in den Pferdeanhänger einsteigen zu müssen. Endlich auf der Alp wurden alle Pferde gewogen. Alle, bis auf eines – richtig: Quen hatte wieder mal seinen Kopf durchgesetzt. Je grösser er wurde, desto gefährlicher seine Widersetzlichkeit für den Menschen.

Trotzdem sah ich hier meine Chance: Ein stolzes, 2 ½ jähriges Pferdchen, mit gutem Gangwerk ausgestattet und, da es dem Weg zum Metzger nahe war, damals für mich erschwinglich. So kam es, dass ich ab diesem Zeitpunkt den rohen Quen mein eigen nannte - und keiner gab uns eine Chance!

Damals, als Quen 2 ½ Jahre zählte, war ich ebenfalls jung, hatte keine Verpflichtungen, viel Zeit und Geduld. Das waren die besten Voraussetzungen um Quen so einreiten zu können, dass ein solides Vertrauensband entstand. Gute zwei Jahre dauerte es, bis ich mir sicher war, dass mir Quen keinen Schaden zufügen würde. Doch seine vielseitige Ausbildung schritt wunderbar voran. Mit dreieinhalb Jahren hatte er unter mir den Feldtest bestanden, mit viereinhalb Jahren die Ausbildungsprüfung. Und in dieser Zeit war er bereits mein Führpferd, als ich in San Jon in Scuol Trekkings leitete. An seinem ersten Springconcours in Davos galoppierte er schon das erste Mal auf der Ehrenrunde. Als Quen etwa fünfjährig war hatten wir uns zu einem gut eingespielten Team entwickelt und es war nun einfach, Quens Talente zu erkennen. Da erhielt ich diverse sehr gute Kaufangebote für ihn. Doch Quen war  für mich schon längst unverkäuflich. Nichts und niemand hätte daran je rütteln können. Quen sprang stets vorsichtig und mutig, was uns fast bei jedem Start eine Klassierung einbrachte. Mit ihm war ich immer vorne dabei, sei es an Patrouillenritten, Distanzritten oder Dressurprüfungen. Selbst fürs Military war Quen zu haben. Als letzte grosse Leistung trug er mich durch die schwierigen Tests meiner dreijährigen Berufsprüfung.



Bildern sind animiert!
Und eines Tages transportierte er gar zwei in einem auf seinem Rücken. Fast bis zur Geburt beförderte er den immer schwerer werdenden Attila sicher auf seinem Rücken mit. Und etwas nach der Geburt den kleinen Lockenschopf sicher vor mir auf dem Sattel. Quen war es auch, der Attila die ersten selbständigen Trab- und Galoppversuche machen liess. Aber nicht nur Attila, zahlreich andere Kinder hat er in die Welt der Pferde eingeführt und ist der Liebling vieler.

Seit 26 Jahren kennen wir uns nun – sehen uns täglich  und wissen um unsere Befindlichkeit. Wieviele Male ist Quen in dieser Zeit mit mir umgezogen! Er wusste um meinen Liebeskummer, die Stellenwechsel. Dankbar darf ich sagen, dass ich den Weg mit diesem nicht ganz einfachen Pferd niemals missen möchte, und dass ich Quen auf meinem Lebensweg viel zu verdanken habe. Obschon Quen trotz seines Sportlerlebens keine Abnutzungserscheinungen zeigt, bekommt er erste graue Haare und das Alter beginnt ihn da und dort zu zwicken. Ich und meine Reitschülerinnen werden ihm weiterhin grosse Sorge tragen, sodass er uns hoffentlich noch lange gesund erhalten bleibt.

Sylvia Blattner

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