Wer kauft schon ein Pferd im Sack – die Ankaufsuntersuchung


„Sechsjährige Stute zu verkaufen, kerngesund“, hiess es im Inserat. Irgendwie berechtigt, sah das selbstgezüchtete Tier in seinem bisherigen Leben noch nie einen Tierarzt. Es war nie krank und es gab keinen einzigen Tag, an welchem es wegen einer Unpässlichkeit nicht geritten werden konnte. Keine Überbeine, keine Narben, nicht ein Haar fehlte dem sorgsam aufgezogenen, und mit viel Zeit und Geduld ausgebildeten, edlen Tier.

Da konnte man einem Ankaufsuntersuch völlig unbeschwert entgegentreten. Dachte man. Der Tierarzt, als guter Fachmann bekannt für seine pingelige Genauigkeit, hatte Grosses vor: 1 ½ Stunden solle man einplanen für den kleinen AKU, hiess es. Nach dem wohlwollenden Lob über das gute Aussehen der hübschen Stute ging‘s los mit Abtasten und Abhören. Das Tier hätte einen Herzfehler, informierte er. Nichts Besorgniserregendes, bloss eine Herzklappe schliesse nicht ganz. Aha – irgendwie doch besorgniserregend. Dann gab es noch die zwei Wolfszähne. Der kürzlich dagewesene Pferdezahnarzt hatte nichts erwähnt. Nein, stören würden sie eigentlich nicht, dafür seien sie zu weit hinten, meinte der Veterinär. Ein kräftiger Druck auf den Kehlkopf löste bei der Stute einen kräftigen Hustenreflex aus. Beim Abhören der Lunge relativierte sich das Ganze wieder, es schien alles i.O.

Dann folgte die Beugeprobe. Eigenartig, wie unfreundlich die Stute dabei wurde. Zwar hielt sie das Bein problemlos die verlangten 90 Sekunden in der angewinkelten Position, drohte aber beim anschliessenden Traben ganz massiv, als ob sie nächstens zubeissen wollte. Eine Eigenschaft, die sonst nie beobachtet werden konnte. Allem Anschein nach war‘s unangenehm. Gemäss Tierarzt zeigte sie vorne rechts eine leichte Unregelmässigkeit. Als Vortraber konnte man nichts erkennen. Nun sollte die Stute noch 20 Minuten longiert werden. An jenem heissen Tag war es nicht erstaunlich, dass der Puls beim ordentlichen Traben und Galoppieren hoch ging. Schön zeigte sich das Stütchen, geschmeidig und folgsam, ausdauernd. Der Tierarzt hörte sie wieder ab. Nun war das Herzklappengeräusch verschwunden.

Noch immer gleich fiel die wiederholte Beugeprobe nach der Belastung aus. Röntgen würde nichts bringen, meinte der Vet, dafür sei die Lahmheit zu gering, und man könnte bestimmt nichts sehen. Auf die Brettprobe verzichtete er nach zwei Versuchen, allem Anschein nach hatte er damit schon einen Unfall provoziert.

Das war’s dann also, das vermeintlich gesunde Tier, das bis anhin so viel Freude machte, ging lahm, hustete, hatte einen Herzfehler und ein Zahnproblem. Bei der Ankaufsuntersuchung würden halt nur Fehler gesucht, versuchte der Tierarzt zum Abschluss noch aufzuheitern. Die angehende Käuferin war ebenfalls erschlagen von der Nachricht. Sie liess die Stute trotzdem noch röntgen. Auf beiden Röntgenbildern gab es gemäss Tierarzt eine leichte Strahlbeinveränderung zu sehen. Was nur hiess denn Veränderung? Es existieren ja keine früheren Bilder vom jungen Pferd. Interessant auch der Vermerk unter den Bildern, dass sie nicht zu primären Diagnosezwecken verwendet werden sollen. Wofür dann? Der Hufschmied erklärte, dass präventiv nichts unternommen wird bei einer Strahlbeinveränderung, solange ein Pferd nicht lahmt. Dann allerdings würde man die Hufe steiler stellen. Die Stute hat, fast rassetypisch, relativ kleine Hufe, steil gestellt. Sie läuft zeitlebens barfuss und kann intensiv ohne Schuhe auf jedem Terrain geritten werden, ohne dass je etwas ausbricht oder sich schräg abläuft. Die steile Hufstellung besteht seit Geburt.
Es dauerte ein Weilchen, bis mich die Vernunft wieder eingeholt hatte. Was sagen denn diese Test’s aus? Ein Pferd, das zwar beim Hustenreflextest angibt, aber noch nie in ihrem Leben gehustet hat. Mit einem Herzklappenproblem, das bei Belastung nicht mehr da ist und fast unmerklich lahmt, wenn man ihr das Bein so anwinkelt, wie man es im Alltag nie tut. Auf dem Röntgenbild ist vom Fachmann eine Veränderung zu erkennen, man weiss aber nicht, wieviel Prozent aller Pferde auch eine haben, ob es je zu einem Problem kommen wird, und bei wie vielen Pferden es zu einem Problem kam, obschon auf dem Röntgenbild nichts zu erahnen war.

                 

Die Verwandtschaft der Stute ist bekannt. Alle Tiere kerngesund. Der Vater wurde über zwanzig Jahre, und das bei reiner Boxenhaltung, ständigen Kaltstarts und dem Reiten ohne Rückentätigkeit. Die Vollgeschwister zeichnen sich ebenfalls durch beste Gesundheit aus. Haltung, Fütterung und Nutzung, Punkte, welche sehr viel zur Gesunderhaltung eines Tieres beitragen, müssen ebenfalls korrekt sein, sonst kann es sein, dass ein Pferd mit der besten Ankaufsuntersuchung nicht alt wird. Nun ja, die Jahre werden es zeigen. Schade, wenn die Freude des Käufers und Verkäufers durch Bekanntgabe von Unregelmässigkeiten so getrübt werden, weil diese bereits eintretende Horrorszenarien vor Augen haben. Denn Fazit ist: die bekennende Freizeitreiterin wird ihre Neuerwerbung genauso wenig an die Grenzen der Möglichkeiten bringen wie die Verkäuferin auch nur einen Rappen Gewinn aus diesem „Geschäft“ schlagen wird.

10.09.15/sb

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