Reiten ist einfach – vor allem, solange man es nicht kann

Kaum ein Sport, ein Verkehrsmittel oder eine Kunst wird von Unwissenden so unterschätzt, wie die Pferde, bzw. der Umgang mit ihnen. Kinderleicht sieht es beim Profi aus, Jahre langer Arbeit stecken dahinter.

Wer seine ersten wunderbaren Reiterfahrungen in einer Gruppe am Meeresstrand entlang sammeln konnte, ist sich vermutlich nicht bewusst, dass hauptsächlich der Herdentrieb dieser edlen Tiere zum guten Gelingen beitrug. Denn: wer sitzen kann, kann auch reiten. Zumindest, sich tragen lassen. Es sei denn, die Höhenangst tritt schon ab 1.50 m auf.

Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass Pferde und Menschen nicht immer die gleichen Interessen verfolgen. Spätestens dann würde man sich wünschen, man hätte mindestens ein Jahr lang Unterricht gehabt, um das Heftigste vermeiden zu können. Oder die Sachlage im kleinen Rahmen richtig beurteilen.

Da steht er nun auf der Tribüne, der Beginner, begutachtet das rege Treiben in der Reithalle, und versteht eigentlich nur Bahnhof. «Das Pferd fällt auseinander, gib ihm Paraden. Wenn du es nicht über den Rücken reitest werden die Hilfen nie durch das Pferd gehen und die Anlehnung ist auch nicht gut», so der Trainer. Zum Glück weiss der Anfänger nicht, nach wie vielen Jahren eifrigen Lernens er den Sinn dieser Worte erst verstehen kann. Bis zur gekonnten Umsetzung dauert es dann nochmals.

Was er aber schnell begreift ist, dass er mit Reiten glücklich sein möchte. Und dass er nur glücklich sein kann, wenn es sein Pferd auch ist. Dies wiederum vergessen Profis gelegentlich. Ja, es ist ein Geben und Nehmen. Ein sich Äussern und Zuhören. Eine Gleichgewichtssache, bei Pferd und Mensch. Ein Grenzen respektieren. Eine Gedulds- und manchmal auch Mutsache. Es braucht Klarheit, Gradlinigkeit, Muskeln, Hirn und Herz. Und Leidenschaft. Denn diese ist es, die einem durch all die Höhen und Tiefen trägt.

Wer einem Zentauren gleich, eins sein möchte mit seinem Pferd, kommt nicht umhin, ihm bedingungslose Liebe und unendliches Vertrauen entgegen zu bringen, zu hinterfragen, verstehen, verzeihen, verzichten, anzupassen. Und wer sie einst spürte, diese Einheit, wenn auch nur für Sekunden, weiss, dass sich dieser schwierige, aber faszinierende Weg lohnt.

31.01.22 /sb

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