Perfekte Welt

Scheint es nur oder ist die perfekte Welt der Anspruch an die heutige Zeit? Wir sind ja schon weit gekommen: sind Pflanzen unerwünscht – pftpft – weg sind sie. Passt die Nase nicht – schnipp schnapp – ist eine neue da.

Ist es verwerflich, nach Perfektion zu streben? Es liegt in der Natur des Menschen, sich in einen ständigen Wettkampf zu begeben. Noch höher, weiter, besser, mehr… Das nennt sich Entwicklung. Ja, wer von uns wollte noch Höhlenmensch sein? Aber sind wir nicht ins andere Extrem geraten? Wir könnten uns mit einer Liste zum Schönheitschirurgen begeben und kämen als perfektes Model wieder zur Tür raus. Unser Traum hätte sich erfüllt, und wir wären glücklich bis an unser Lebensende.
Äh - natürlich nicht, bereits die nächste Falte brächte uns zur Verzweiflung.

Wie wäre es, wenn die Gegebenheiten akzeptiert würden? Was für ein glückliches Leben könnte man führen! Gerade die Natur zeigt es vor. Weit ab von unseren perfekten Ideen hat ein Kleeblatt auch mal vier Blätter. Es wächst weder in einer Linie noch in einem Kreis oder sonst einer geometrischen Figur. Das Eine ist im Wachstum, das Andere am Absterben, im harmonischen Miteinander. Wir haben die Auswahl, was wir betrachten möchten, jedes ist auf seine Art reizvoll. Und wenn wir uns Zeit nehmen würden, was kaum wer tut, denn es ist ja langweilig, könnten wir den interessanten Werdegang einer einzelnen Pflanze von der Entstehung bis zum Absterben verfolgen.

Auch die Pferdewelt ist nicht perfekt. Jeder Züchter hat grosse Hoffnungen auf ein makelloses Fohlen. Innen wie aussen. Das wäre durchaus möglich, würde es nur die «guten» Gene der nicht ganz fehlerlosen Eltern vereinen. Aber Zuchtfortschritt hin oder her, wenn Perfektion der Anspruch ist, dann wird es immer Enttäuschungen geben. Mit Freuden ein Fohlen empfangen und gross werden lassen kann nur, wer seine Erwartungen in Grenzen hält. Dann ist es ein Geschenk, mit dem man wachsen kann.

Das Attribut des Spitzensportes ist es, absolute Bestleistung zu erbringen. Dafür sind viele Gratwanderungen nötig. Mentale und körperliche Grenzen suchen. Letztendlich kann nur einer der Beste sein, alle anderen sind mehr oder weniger enttäuscht, so gut die Leistung auch war. Im Pferdesport ist man ein Team. Ein ungleiches. Einem Zentauren gleich werden Aufgaben angegangen, im besten Fall. Wenn man absolut eins ist, geben beide Teile alles, um das gleiche Ziel zu erreichen. Spätestens wenn der Reiter in hohem Bogen auf die andere Seite des Hindernisses katapultiert wird, sieht auch der Laie, dass die Verschmelzung nicht nachhaltig stattgefunden hat. Wobei für diesen auch nicht vorstellbar ist, wieviel das letztendlich braucht. Und im Spitzensport ist dieses Einssein ohne unterjochen noch viel schwieriger, weil es ja hauptsächlich der Mensch ist, der die Perfektion anstrebt.

Hier läge ein Privileg des Nichtspitzensportlers. Er könnte eine eins auch mal gerade sein lassen auf dem Weg zum Zentauren. Einfach mal etwas tun, was keinen Anspruch auf Perfektion hat. Weil es Spass macht. Sich trauen, das Kleeblatt mit dem schiefen Stiel zu sein. Wer weiss, vielleicht erfreuen sich gerade an diesem Kleeblatt Insekten, weil es bei Regen den perfekten Unterstand bietet. Und vielleicht ergibt sich genau deshalb die Harmonie, weil der verbissene Anspruch auf Perfektion ausbleibt.

01.04.22 /sb

Zur Zucht