Juhui, ein neues Pferd zieht ein

Endlich stand es endgültig fest: wir brauchten ein neues Pferd. Gutmütig und brav war das Hauptkriterium. Wenn es dazu hin noch völlig gesund und hübsch wäre, schon gut ausgebildet, damit es sofort eingesetzt werden könnte… da beginnt auch schon die Geschichte mit der eierlegenden Wollmilchfleischsau. Nein, ein guter Charakter und die passende Grösse für unseren kleinen Stall, alles andere war zweitrangig.

Schon erstaunlich schnell stiess ich auf ein ansprechendes Pferdchen in einem ansprechenden Onlineinserat. «Ohne Fehler, ohne Macken, auch von schwächeren Personen gut händelbar», was wollte ich noch mehr. Naja, sein Preis war ordentlich, aber dafür schien der 4jährige in absolut seriös kompetent fördernden Händen. Hübsch war er ebenfalls, auch wenn das typische Lusitanoköpfchen nicht ganz meins war. Er wurde so gerühmt und auch die gesendeten Videos hinterliessen einen guten

Eindruck, dass der Palomino ohne Tierarztuntersuch coronabedingt unbesehen gekauft wurde.

Dann ging alles sehr schnell. Nach erfolgter Zahlung und geklärtem Papierchaos stand der Jungspund nach fünftägiger Reise schlotternd in einer Boxe in Deutschland. Problemlos stieg er in den Hänger, allerdings rumpelte es nach 5 gefahrenen Metern dermassen, dass der Augenschein die Befürchtung bestätigte. Naleno war gestiegen und hatte sich im Heunetz und Anbindeseil verhangen. Erstaunlicherweise blieb er wunderbar still, als wir ihn freischnitten, ich rechnete bereits mit dem Schlimmsten.

Zu Hause stellten wir ihn in die grösste Boxe. Postwendend fing er an zu weben, wollte über die Boxenwand springen und verhielt sich wie eine aufgescheuchte Henne. Du meine Güte, worauf hatte ich mich da eingelassen. Er frass keinen Halm, auch nicht auf der Weide, deren Zaun er unbekümmert durchlief. Ob er ein Zahnproblem hatte? Die Verkäuferin konnte sich die Situation nicht erklären, meinte, er müsse erst ankommen. Meinetwegen, aber wann war das? Nach dem 3. Tag nichts fressen tauchte die Tierärztin auf. Sie untersuchte das Pferd, nicht aber die Zähne. Das wolle sie erst tun, wenn er wieder frässe. Aber das tat er nicht. So reiste aus weiter Ferne ein Zahnarzt, der die Behandlung auch ohne Sedation schaffte. Er fand eine nicht sehr besorgniserregende Druckstelle bei der Schaufel. Durch das Schmerzmittel der Tierärztin begann er immerhin zu fressen, auch wenn es keinen Befund gab.

Unterdessen hatte der Unruhige die Auslaufboxe. Menschbezogen das war er, weshalb er es liebte, zu schmusen. Seinen ersten Ritt als Handpferd endete ebenfalls im Fiasko. Er zog wie ein Esel, und als ich ihn dann im Viereck liess brach er durch das Vierfach-Breitband aus. Nun stand ihm der Geländeritt in Begleitung mit Timo bevor. Dem schmalen Würfchen, das durch seine Diät immer noch schmaler wurde, passte kaum ein Sattel. Doch dies schien nicht das einzige Problem zu sein. Panisch scheute er vor jedem Velo, auch wenn es still stand. Leider gab es davon zahlreiche und ich fürchtete um mein Leben, wenn er den Strassenverkehr und Abhänge als Fluchtmöglichkeit wählte. Endlich befanden wir uns fernab der Zivilisation, nun konnte es relaxt weiter gehen. Aber es ging nicht so weiter. Wild auf dem Biss kauend und am langen Zügel ständig Kopf schlagend – hatte ich etwa einen Haedshaker erworben oder war es gar Kissingspines? Der Anruf bei der Verkäuferin war ernüchternd: sie könne halt auch nichts dafür, wenn es dem Pferd bei uns nicht gefalle. Und zum Reitproblem meinte sie, ich müsse ihn halt mit dem Schenkel an den Zügel reiten.

Mir war klar, wenn das Pferd bei der Verkäuferin so toll war wie sie ihn ausgeschrieben hatte, und beim Transport alles so gut gelaufen war, wie uns rückversichert wurde, gab es nur eine Möglichkeit: wir hatten in Deutschland das falsche Pferd eingeladen. Ich wollte dieses nicht. Ohne Fehler ohne Macken… verständlich, dass ein 4jähriger noch nicht alles kann. Aber ich hatte mir erhofft, für gutes Geld eines dieser wenigen Juwelen erworben zu haben, die einfach nur brav sind. Egal in welcher Situation und mit wem. Ich war gelinkt worden, und zwar auf die aller schäbigste Weise. Selber Schuld, dachte ich mir, man kauft halt auch kein unbesehenes Pferd, das weiss man doch. Bei allem Vertrauen in den Menschen: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber was nur konnte ich tun?

Zurückgeben ging nicht. Nur schon aus Rücksicht aufs Pferd mit dem langen Transport. Verkaufen? Krampfhaft suchte ich nach Worten, passend zum Preis. Ich konnte es nicht. Es war unmöglich, das Inserat der Verkäuferin zu übernehmen, ich würde brandschwarz lügen. Und während ich deprimiert nach einer Lösung suchte, Naleno schnellst möglichst loszuwerden musste ich doch zugeben, dass er von der sanften Sorte war, der den Menschen liebt und achtet. Im Viereck gehorchte er wunderbar und sein leichter Wölkchengalopp erfreut das Reiterherz. Mit dem Fressen ging es aufwärts und er freundete sich mit Timo, dem Fels in der Brandung, an, was ihm Selbstvertrauen gab. Rahela’s Pferdeshihatsu schien er nicht nur zu geniessen, es tat ihm auch gut.

Die Mädchenlager standen vor der Tür. So bekam Naleno Intensivtraining mit dem Fahrrad. Sein Vertrauen zu den ungetümen Anfängern wuchs und am Ende vom Sommer war das Kopfschlagen weggeblasen. Noch immer war er leicht zu erschrecken, aber im Grossen Ganzen doch sehr angenehm. Auch zu den andern Pferden. Und irgendwie eben schon ein spezielles Pferdchen. Das bestätigen auch die bezaubernden Fotos. Er kann sprechen, lernt leicht Kunststücke, ist interessiert und ständig für etwas zu haben…

Da lag es doch nahe, an der Trainingsdressur in Bonaduz teilzunehmen. Ich sass nun nach den Lagersommer erst eine Woche in seinem Sattel und hoffte, dass ich mich nicht ganz blamieren musste. Aber das junge Kerlchen überraschte mich vollends. Er bemühte sich unglaublich, einzig die lange Abreitezeit infolge nachhinkendem Zeitplan liess seine Remontenkondition durchschimmern. Ein gutes Gangwerk wurde ihm beschienen, und ich hatte wirklich grosse Freude, vor allem, dass das ganze Drumherum so gut ablief.

Vielleicht wird Naleno ja nun doch noch das Traumpferdchen, das ich mir erhofft habe.

4.01.2022 /sb

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